Weiße Ledersessel? Warum nicht?
Wer neue Kunden ins Sanitätshaus locken möchte, muss altem Chic misstrauen. Schon die Neunziger wirken heute angestaubt. Die Jüttner Orthopädie KG in Thüringen stellte die Optik ihrer Geschäfte auf den Prüfstand und begann mit der schrittweisen Umgestaltung. Auf der Leipziger Messe Orthopädie- und Rehatechnik wird das Unternehmen auch deshalb dabei sein. GP schaute sich schon mal vor Ort in Nordhausen um.
Gemütlich plaudert es sich in der Sitzecke des Nordhäuser Sanitätshauses der Jüttner Orthopädie KG in der Behringstraße: der Bereich etwas abgeteilt durch Bambusstangen und doch mit Blick auf das Geschäft, bequeme weiße Leder-Drehsessel, hölzerner Fußboden, zurückhaltende Dekoration… Die junge Innenarchitektin Nicole Threbank schaut sich um und scheint zufrieden mit dem Ergebnis ihrer schon viele Monate zurückliegenden Arbeit. Nur auf die Frage, was sie von der hinter ihr stehenden Schaufensterpuppe halte, versucht sie sich in Diplomatie: „Die passende Dekoration ist ein Prozess, bei dem wir viel probieren müssen.“
Idealvorstellungen und Kompromisse
Aber die Architekten von Landsiedel/Müller/Flagmeyer und Kathrin Jüttner, die Mitinhaberin der Jüttner Orthopädie KG, haben sich längst zusammengerauft, haben sich Zeit genommen, einander ihre Überlegungen zu erläutern, haben Idealvorstellungen ausgetauscht und Kompromisse ausgehandelt. „Ich bin jedenfalls froh, dass ich die Umgestaltungen nicht aus dem Bauch heraus alleine oder nur mit den Handwerkern ausgetüftelt habe, sondern mich mit Experten zusammengesetzt habe“, bekennt Kathrin Jüttner. „Jeder soll das tun, was er gelernt hat.“
Die meisten Häuser der Jüttner Orthopädie KG wurden Anfang der Neunziger schon mal grundsaniert, so dass es nur selten um erhebliche bauliche Mängel geht. „Aber das komplette stilistische Umkrempeln wurde nötig, je mehr wir uns als Marke etablieren“, erläutert die Chefin. „Schließlich sind wir längst mehr als die Abgabestelle von Hilfsmitteln und es passiert mehr, als dass die Mitarbeiterin hinter sich ins Regal greift. Und wir brauchten einen roten Faden, der sich durch alle unsere 20 Häuser zieht.“
Wie sie an diese Aufgabe herangegangen ist, erläutert Nicole Threbank ausführlich und leidenschaftlich: „Leitgedanke der Innenarchitektur soll es sein, eine warme Atmosphäre zu schaffen, in der die Patienten nicht nur beraten werden, sondern die ihnen auch ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Deshalb wird Wert auf leichte Bedienbarkeit, Übersichtlichkeit und nicht zuletzt Bequemlichkeit gelegt.“ Dabei mangelt es ihr nicht an Beispielen: „Durch gezielt gesetzte Lichtspiele soll Zuversicht vermittelt werden. So werden Farbabläufe inszeniert. Die indirekte Beleuchtung setzt Hoffnungsakzente. Hauptsächlicher Gedanke war Wohlfühlcharakter, also wenig Weißlicht und keine Blendeffekte. Die Möbelgestaltung soll – so wie das Motto der Jüttner Orthopädie KG – ‚Leben in Bewegung’ darstellen. So beispielsweise die „Wellenwand“ in der Rautenstraße. Oder die in Kunstharz eingelegten Steine in der Behringstraße, was wie fließende Bäche anmutet. Die Filiale ist zudem geprägt durch die Bambusstäbe und das Bankirai-Holz. Hier wo wir jetzt sitzen, sollte eine Insel geschaffen werden. Abseits des Verkaufsbereiches - eine abgeschlossene Einheit der persönlichen Beratung. Bambusstäbe sind ein schnell wachsender Rohstoff - sinnbildlich für schnelle Heilung. Gleichzeitig kraftvolle Stäbe - wie starke Beine. Naturgedanke verbindet es zum Relaxbereich. Weiß und Holz in Verbindung steht für professionelles Verkaufen und präsentieren (weiß) in fast privater, heimischer Atmosphäre (Holz). Andererseits will sich die Jüttner Orthopädie KG mit den vielen Holzelementen als ‚Fels in der Brandung’, als Basis präsentieren und sich somit gerade Menschen, die vielleicht gerade aus der Klinik kommen, aufgefangen fühlen…“
Zeitlos? Geht nicht!
Nun mag man sich streiten, ob jeder Patient das ebenso interpretiert und empfindet. Aber unumstritten kommt eine ganz besondere Atmosphäre rüber – das warme Holz erinnert ein bisschen an eine stilvolle Boutique oder die raffiniert beleuchteten Schaukästen an ein Juweliergeschäft. Besonders fällt das auf, wenn man alte Fotos betrachtet. Einblicke in Verkaufsräume, in denen eine Vielzahl von Türen kaum eine ruhige Wandfläche zulässt – heute wurden sie teilweise verlegt. Blick auf Tische und in Regale, in denen sich die Produkte stapeln – heute kann alles in raumhohe Schränke verstaut werden.
Natürlich steht da immer die Frage, inwieweit der Geschmack der Kundschaft generationenübergreifend getroffen werden kann. Gibt es den zeitlosen Stil? „Den gibt es nicht, da machen wir uns nichts vor“, so Kathrin Jüttner. „Diese Ledersessel hier, weiß und kantig, gefallen sicher auch nicht allen älteren Menschen, aber man kann nie wirklich davon ausgehen jeden Geschmack zu treffen. Wir dürfen nur eines nicht aus dem Auge verlieren: Unabhängig von der Optik müssen auch diese Sessel eine Höhe haben, von der auch gehandicapte ältere Menschen bequem wieder aufstehen können und sich sicher fühlen.“
Dekorieren oder „überdekorieren“?
Das Ganze verlangt auch von den Werbegestalterinnen und Mitarbeiterinnen Umdenken. „Ich musste schon manchmal korrigieren, wenn die Dekorateurinnen mit zu viel Blumen und Spitze und Federn anrückten“, verrät Nicole Threbank. „Das kann jegliche Linienführung, alle klaren Strukturen oder die Lichtgestaltung kaputtmachen. Natürlich befinden wir uns in einem Geschäft und da darf die Ware erzählen. Dafür habe ich beispielsweise große weiße Wandflächen gelassen, an denen die Poster der Hersteller wirken dürfen. Aber bitte nicht hier und da mit Klebestreifen angebracht und einen Kunstblumenstrauß davor. Oder die den Raum teilenden Regale, die sollen pro Fach die Produkte präsentieren und nicht noch was ,Hübsches‘ dazu. Weniger ist oftmals mehr.“
Bei drei Häusern ist diese neue Handschrift schon zu lesen, die anderen sollen Stück für Stück folgen. Fest steht die Herangehensweise, die Dominanz des warmen Holzes, die hellen Wände und das bewegte Licht. Fest steht auch, dass der Tresen so gestellt wird, dass der Kunde direkt auf ihn zugeht. „Ansonsten müssen wir uns den Gegebenheiten der jeweiligen Immobilie anpassen. Außerdem beginnt jedes Mal die Suche nach den passenden Handwerksbetrieben vor Ort. Nur die Tischlerfirma, die für unser Konzept die Hauptrolle spielt, zieht wieder mit uns mit“, plant Kathrin Jüttner. „Jeder soll doch sofort erkennen, dass er ein Haus der Jüttner Orthopädie KG betritt.“
Jüttner Orthopädie KG
Der Ursprung der Jüttner Orthopädie KG ist ein 1946 vom Vater bzw. Großvater der jetzigen Inhaber in Mühlhausen gegründetes orthopädietechnisches Unternehmen. Komplementär ist Frank Jüttner, seine Tochter Kathrin Jüttner ist Prokuristin. Das Unternehmen umfasst derzeit 20 vorrangig in Thüringen ansässige Sanitätshäuser und beschäftigt 192 Mitarbeiter. Angeboten werden Produkte und Dienstleistungen aus den Bereichen Orthopädietechnik, Orthopädieschuhtechnik, Sanitätsfachgeschäft, Kinderrehabilitation, Rehatechnik und Homecare.
Quelle: GesundheitsPROFI 04.2010
Der Artikel steht hier zum Download bereit. (1,1 Mb | PDF)
< zurück
Gemütlich plaudert es sich in der Sitzecke des Nordhäuser Sanitätshauses der Jüttner Orthopädie KG in der Behringstraße: der Bereich etwas abgeteilt durch Bambusstangen und doch mit Blick auf das Geschäft, bequeme weiße Leder-Drehsessel, hölzerner Fußboden, zurückhaltende Dekoration… Die junge Innenarchitektin Nicole Threbank schaut sich um und scheint zufrieden mit dem Ergebnis ihrer schon viele Monate zurückliegenden Arbeit. Nur auf die Frage, was sie von der hinter ihr stehenden Schaufensterpuppe halte, versucht sie sich in Diplomatie: „Die passende Dekoration ist ein Prozess, bei dem wir viel probieren müssen.“
Idealvorstellungen und Kompromisse
Aber die Architekten von Landsiedel/Müller/Flagmeyer und Kathrin Jüttner, die Mitinhaberin der Jüttner Orthopädie KG, haben sich längst zusammengerauft, haben sich Zeit genommen, einander ihre Überlegungen zu erläutern, haben Idealvorstellungen ausgetauscht und Kompromisse ausgehandelt. „Ich bin jedenfalls froh, dass ich die Umgestaltungen nicht aus dem Bauch heraus alleine oder nur mit den Handwerkern ausgetüftelt habe, sondern mich mit Experten zusammengesetzt habe“, bekennt Kathrin Jüttner. „Jeder soll das tun, was er gelernt hat.“
Die meisten Häuser der Jüttner Orthopädie KG wurden Anfang der Neunziger schon mal grundsaniert, so dass es nur selten um erhebliche bauliche Mängel geht. „Aber das komplette stilistische Umkrempeln wurde nötig, je mehr wir uns als Marke etablieren“, erläutert die Chefin. „Schließlich sind wir längst mehr als die Abgabestelle von Hilfsmitteln und es passiert mehr, als dass die Mitarbeiterin hinter sich ins Regal greift. Und wir brauchten einen roten Faden, der sich durch alle unsere 20 Häuser zieht.“
Wie sie an diese Aufgabe herangegangen ist, erläutert Nicole Threbank ausführlich und leidenschaftlich: „Leitgedanke der Innenarchitektur soll es sein, eine warme Atmosphäre zu schaffen, in der die Patienten nicht nur beraten werden, sondern die ihnen auch ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Deshalb wird Wert auf leichte Bedienbarkeit, Übersichtlichkeit und nicht zuletzt Bequemlichkeit gelegt.“ Dabei mangelt es ihr nicht an Beispielen: „Durch gezielt gesetzte Lichtspiele soll Zuversicht vermittelt werden. So werden Farbabläufe inszeniert. Die indirekte Beleuchtung setzt Hoffnungsakzente. Hauptsächlicher Gedanke war Wohlfühlcharakter, also wenig Weißlicht und keine Blendeffekte. Die Möbelgestaltung soll – so wie das Motto der Jüttner Orthopädie KG – ‚Leben in Bewegung’ darstellen. So beispielsweise die „Wellenwand“ in der Rautenstraße. Oder die in Kunstharz eingelegten Steine in der Behringstraße, was wie fließende Bäche anmutet. Die Filiale ist zudem geprägt durch die Bambusstäbe und das Bankirai-Holz. Hier wo wir jetzt sitzen, sollte eine Insel geschaffen werden. Abseits des Verkaufsbereiches - eine abgeschlossene Einheit der persönlichen Beratung. Bambusstäbe sind ein schnell wachsender Rohstoff - sinnbildlich für schnelle Heilung. Gleichzeitig kraftvolle Stäbe - wie starke Beine. Naturgedanke verbindet es zum Relaxbereich. Weiß und Holz in Verbindung steht für professionelles Verkaufen und präsentieren (weiß) in fast privater, heimischer Atmosphäre (Holz). Andererseits will sich die Jüttner Orthopädie KG mit den vielen Holzelementen als ‚Fels in der Brandung’, als Basis präsentieren und sich somit gerade Menschen, die vielleicht gerade aus der Klinik kommen, aufgefangen fühlen…“
Zeitlos? Geht nicht!
Nun mag man sich streiten, ob jeder Patient das ebenso interpretiert und empfindet. Aber unumstritten kommt eine ganz besondere Atmosphäre rüber – das warme Holz erinnert ein bisschen an eine stilvolle Boutique oder die raffiniert beleuchteten Schaukästen an ein Juweliergeschäft. Besonders fällt das auf, wenn man alte Fotos betrachtet. Einblicke in Verkaufsräume, in denen eine Vielzahl von Türen kaum eine ruhige Wandfläche zulässt – heute wurden sie teilweise verlegt. Blick auf Tische und in Regale, in denen sich die Produkte stapeln – heute kann alles in raumhohe Schränke verstaut werden.
Natürlich steht da immer die Frage, inwieweit der Geschmack der Kundschaft generationenübergreifend getroffen werden kann. Gibt es den zeitlosen Stil? „Den gibt es nicht, da machen wir uns nichts vor“, so Kathrin Jüttner. „Diese Ledersessel hier, weiß und kantig, gefallen sicher auch nicht allen älteren Menschen, aber man kann nie wirklich davon ausgehen jeden Geschmack zu treffen. Wir dürfen nur eines nicht aus dem Auge verlieren: Unabhängig von der Optik müssen auch diese Sessel eine Höhe haben, von der auch gehandicapte ältere Menschen bequem wieder aufstehen können und sich sicher fühlen.“
Dekorieren oder „überdekorieren“?
Das Ganze verlangt auch von den Werbegestalterinnen und Mitarbeiterinnen Umdenken. „Ich musste schon manchmal korrigieren, wenn die Dekorateurinnen mit zu viel Blumen und Spitze und Federn anrückten“, verrät Nicole Threbank. „Das kann jegliche Linienführung, alle klaren Strukturen oder die Lichtgestaltung kaputtmachen. Natürlich befinden wir uns in einem Geschäft und da darf die Ware erzählen. Dafür habe ich beispielsweise große weiße Wandflächen gelassen, an denen die Poster der Hersteller wirken dürfen. Aber bitte nicht hier und da mit Klebestreifen angebracht und einen Kunstblumenstrauß davor. Oder die den Raum teilenden Regale, die sollen pro Fach die Produkte präsentieren und nicht noch was ,Hübsches‘ dazu. Weniger ist oftmals mehr.“
Bei drei Häusern ist diese neue Handschrift schon zu lesen, die anderen sollen Stück für Stück folgen. Fest steht die Herangehensweise, die Dominanz des warmen Holzes, die hellen Wände und das bewegte Licht. Fest steht auch, dass der Tresen so gestellt wird, dass der Kunde direkt auf ihn zugeht. „Ansonsten müssen wir uns den Gegebenheiten der jeweiligen Immobilie anpassen. Außerdem beginnt jedes Mal die Suche nach den passenden Handwerksbetrieben vor Ort. Nur die Tischlerfirma, die für unser Konzept die Hauptrolle spielt, zieht wieder mit uns mit“, plant Kathrin Jüttner. „Jeder soll doch sofort erkennen, dass er ein Haus der Jüttner Orthopädie KG betritt.“
Jüttner Orthopädie KG
Der Ursprung der Jüttner Orthopädie KG ist ein 1946 vom Vater bzw. Großvater der jetzigen Inhaber in Mühlhausen gegründetes orthopädietechnisches Unternehmen. Komplementär ist Frank Jüttner, seine Tochter Kathrin Jüttner ist Prokuristin. Das Unternehmen umfasst derzeit 20 vorrangig in Thüringen ansässige Sanitätshäuser und beschäftigt 192 Mitarbeiter. Angeboten werden Produkte und Dienstleistungen aus den Bereichen Orthopädietechnik, Orthopädieschuhtechnik, Sanitätsfachgeschäft, Kinderrehabilitation, Rehatechnik und Homecare.
Quelle: GesundheitsPROFI 04.2010
Der Artikel steht hier zum Download bereit. (1,1 Mb | PDF)
< zurück


Aktuelles
Geschäftsbereiche


